RSB-Beitrag zur Feierstunde zum Volkstrauertag 2018

Sonntag 18. November 2018

... in der Aussegnungshalle auf dem Neuen Friedhof in Bissingen. Emely Elbert, Elisa Eberhardt und Finn Stöhr hatten mit ihrem Geschichtelehrer Marcus Petsch den folgenden Text erarbeitet und lasen ihn bei der öffentlichen Veranstaltung vor. Der Musikverein Bissingen und der Chor Vocalis wirkten ebenfalls mit. Oberbürgermeister Kessing hielt eine Rede zum Volkstrauertag und legte mit dem Kommandanten der Bissinger Feuerwehr Manfred Daub einen Kranz zum Gedenken an die Opfer von Krieg, Terror und Gewalt nieder.

v.l.: OB Kessing, Emely, Elisa, Finn und Herr Daub

v.l.: OB Kessing, Emely, Elisa, Finn und Herr Daub

Brennende Synagoge 1938

Brennende Synagoge 1938

Ruth Winkelmann

Ruth Winkelmann

Sehr geehrte Damen und Herren!

Wir können auch anders! …… unter diesem Motto haben wir Schülerinnen und Schüler der Realschule Bissingen uns in diesem Jahr mit dem Volkstrauertag auseinandergesetzt.

110 Jahre, 100 Jahre, 80 Jahre – klingt wie eine lange Reise in die Vergangenheit – und die ist es auch.

110 Jahre ist es her, dass die Deutschen Kolonialmacht in Namibia schreckliche Verbrechen an den Einwohnern des Landes begangen hat – der Völkermord an den Herero und Nama.

100 Jahre ist es her, dass die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts beendet wurde. Das Ende des 1. Weltkrieges, das Ende der Monarchie und Aufbruch in die Demokratie – zu verdanken unter anderen den mutigen Matrosen, die sich weigerten ein letztes Mal in eine weitere sinnlose Seeschlacht zu ziehen.

80 Jahre ist es her, dass die Nationalsozialisten zur offenen Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung übergingen – brennende Synagogen, zerstörte jüdische Geschäfte – die Novemberpogrome im Jahre 1938 stellen bis heute eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte dar. Ein Ereignis, an das wir Schülerinnen und Schüler der Realschule Bissingen am heutigen Tage besonders erinnern möchten.

Ruth Winkelmann:

"Als ich am 10. November 1938 gegen 7.30 Uhr meine Schule erreichte, war alles wie gewohnt. An Unterricht war an diesem Morgen jedoch nicht zu denken. Eine Lehrerin empfing mich gleich am Eingang und schickte mich in die Aula. Dort waren alle Schülerinnen und Lehrer versammelt. 

Eine gute halbe Stunde später hatten SA-Leute den Schuleingang besetzt und mit einem Berg aus Gerümpel verbarrikadiert. Wir saßen in der Falle. Von drinnen hörten wir ihr Gebrüll. Später sahen wir ihre hasserfüllten Schmierereien an der Schulfassade. Wir klemmten uns an die Fensterscheiben und sahen, wie immer mehr Kisten und Bretter, ja sogar Schlitten und Kochtöpfe auf den Haufen vor der Schule flogen. Von der anderen Seite der Schule sahen wir, wie dichter Qualm aus der Kuppel der Synagoge stieg. Jeden Augenblick musste damit gerechnet werden, dass die Braunhemden den Holzhaufen vor dem Schuleingang in Brand setzten.

In der Aula wurde es sehr still. Es gab kein Entkommen. Der Vorderausgang war von brüllenden SA-Leuten besetzt. Der Hinterausgang führte zur qualmenden Synagoge eben. Direktor und Lehrer entwickelten in aller Eile einen Evakuierungsplan. Über eine Tür im Dachboden der Schule erreichten wir über mehrere andere Dachböden schließlich eines der Nachbarhäuser. Wir waren nun in einem Mietshaus angelangt, in dem Juden wohnten. Wir stiegen das Treppenhaus hinab zur Eingangstür.

Ein Lehrer schärfte uns ein, immer nur zu zweit zu gehen, nicht zu rennen und uns direkt auf den Weg nach Hause zu machen. Ich nahm meine beste Freundin Lilly bei der Hand. Mein Herz klopfte bis zum Hals. Als wir das Schwimmbad passierten, begannen wir vor Erleichterung zu singen. Lilly wohnte gleich um die Ecke. Ich stieg in die S-Bahn und fuhr zurück nach Hause.

 Unmittelbar nach dem Pogrom verschwieg man uns Kindern Details der Geschehnisse, um uns nicht noch weiter zu beunruhigen. Als mein Vater am Abend nach Hause kam, nahm er meine kleine Schwester und mich in den Arm. "Jetzt beginnt eine schwere Zeit für uns", sagte er bedeutungsschwer, so dass ich es nie vergessen habe. Leider sollte er recht behalten."

 

Ruth Winkelmann beschreibt den Tag nach Beginn der offenen Gewalt gegenüber der jüdischen Bevölkerung in Deutschland 1938. 

Wir Schülerinnen und Schüler der Realschule Bissingen waren sehr schockiert über Ruth Winkelmanns Erzählungen – für uns ist die Schule ein geschützter Raum – so etwas wie eben gehört ist für uns heutzutage unvorstellbar. 

Dennoch gibt es in der heutigen Zeit leider vermehrt Tendenzen Minderheiten und hilfsbedürftige verbal und physisch zu attackieren. Vorkommnisse wie z. B. in Chemnitz in diesem Sommer stellen hier ein wirklich schauriges Beispiel dar.  

Für die Geschehnisse im November 1938 sind wir Schülerinnen und Schüler sicher nicht mehr verantwortlich, aber wir haben eine Verantwortung gegenüber der Geschichte – so etwas darf nie wieder passieren und dafür müssen wir sorgen.  

Aus diesem Grund sind wir Schülerinnen und Schüler der Realschule Bissingen nicht nur der Meinung „wir können auch anders“ – Nein, wir müssen sogar anders! 

Menschen die vor Krieg und Verfolgung flüchten muss geholfen werden.

Menschen, die andere Menschen mit Paulschalurteilen in eine Ecke drängen müssen wir entgegentreten. 

Menschen, die demokratisch gewählt in unseren Länderparlamenten und im Bundestag als geistige Brandstifter die nationalsozialistischen Verbrechen relativieren müssen wir Einhalt gebieten. 

Frank Walter Steinmeier sagt zu recht „Gescheitert ist nicht die Demokratie, gescheitert sind die Feinde der Demokratie“.

„Wir dürfen stolz sein auf die Traditionen von Freiheit und Demokratie“ dürfen aber die Abgründe der Deutschen Geschichte nicht vergessen – dafür stehen wir ein!